Batterie oder Akku?

„Warum können wir nicht einfach eine Batterie verwenden? Diese Akkus sind ohnedies nie aufgeladen. Und das führt immer nur dazu, dass irgendjemand irgendjemanden beschuldigt, die Akkus wieder nicht aufgeladen zu haben.“

Ich war angespannt und wollte nicht über Akkus reden.

„Du weißt, wie ein Akku funktioniert?“

Onkel Adam schaute mich fragend an. Ich wusste, was jetzt kommen würde. Ein weiteres Mal in meinem Leben würde ich die Ehre haben, einer seiner lehrreichen Erklärungen beiwohnen zu dürfen. Ich wusste nur nicht, ob ich das gerade wollte. Aber konnte ich entkommen?

Noch bevor ich mir selbst eine Antwort gegeben hatte, holte er die üblichen Schreibutensilien aus der Jackentasche seines Leinensakkos und platzierte sie auf dem großen Holztisch, an dem wir beide seit dem Mittagessen saßen und über dies und das sinnierten.

„In so einem Akku gibt es eine Menge verliebte Teilchen. Die einen (positiv geladene Lithium-Ionen) folgen den anderen (negativ geladenen Elektronen) überall hin. Es gibt zwei Orte, an denen sich diese Teilchen tummeln können.“

Er malte nebeneinander – mit etwas Abstand dazwischen – links einen Stiefel und rechts die Umrisse eines Hauses.

Ich sah ihn verdutzt an. Er drehte seinen Kopf zu mir und lächelte mich an, um dann fortzufahren: „Das ist Italien! Dort will Nora jetzt hin! Und das“, er zeigte auf den rechten Teil der Zeichnung, „ist die Villa Schmitt! In Italien ist es spannend und elektrisierend. In der Villa Schmitt ist es stabil und unaufgeregt. Im Großen und Ganzen ein positiver Ort. Es gab eine Zeit, da wollte Nora dorthin.“

Er malte ein Plus über die Villa und in das Haus ein Plus und ein Minus, die durch ein Herz eingerahmt wurden.

„Nora ist ein Elektron, sie ist negativ geladen. Ein positiver Ort wie die Villa hat sie angezogen. Für sie hat sich eine Gelegenheit geboten, und sie hat sie ergriffen. Du bist ihr gefolgt, wie Lithium-Ionen das eben so tun.“

Sein Blick suchte kurz den meinen. Ein kleines Grinsen konnten wir uns beide nicht verkneifen.

„Dein Weg war allerdings steiniger, und im Akku ist das gleich. Es öffnet sich sozusagen eine Tür für die Elektronen. Wird ein Gerät eingeschaltet – auf ON gedreht – wird der Weg frei. Das Elektron kann nicht anders, es wandert auf direktem Wege von der negativ geladenen Anode zur positiv geladenen Katode. Energie wird abgegeben. Die Lithium-Ionen folgen den Elektronen querfeldein.“

Während seinen Erklärungen hatte er oben in der Skizze eine Art Verbindungsgang zwischen den Elektroden gezeichnet und eine offene Türe für den ON-Schalter skizziert. Zwischen den beiden „Räumen“ der Skizze malte er eine Mauer, die er als fetten Strich darstellte, durch die die positiv geladenen Lithium-Ionen mussten, um an die negativ geladenen Elektronen zu kommen.

„Und dann sitzen die Teilchen hier rum.“ Er zeigte auf das Haus und ummalte nochmals das Herz, während er weitersprach.

„Es ist schön. Es tut gut. Es ist langweilig. Tja, und dann bekommt das Elektron eine Chance – einen Energieschub. Der Akku ist in Aufladeposition – die Elektronen werden über den äußeren Stromkreis – also einen Draht entlang – an die Anode gezogen. Für Nora scheint es nach Rom zu gehen, in die elektrisierendste aller italienischen Städte.“

Er malte auch unten in der Skizze einen Verbindungsgang mit einer offenen Tür, der den ON-Schalter für den aktiven Ladevorgang zeigen sollte. Etwas unter der Mitte links im Stiefel zeichnete er ein Minus-Zeichen, ungefähr dort, wo sich – wäre der Stiefel eine Landkarte von Italien – Rom befände.

„Der Akku wurde am Stromkreis angeschlossen. Alles fließt. Nur dass das Elektron“, er zeigte auf das Plus-Symbol im Herz, „diesen vorgegebenen Weg nicht so einfach gehen kann. Also genau genommen kann es das im Akku gar nicht. Lithium-Ionen müssen ihren Angebeteten durch zwischengelagerte Schichten aus Elektrolyt und Separator hindurch folgen, bis sie in der Anode angekommen sind.“

„Man kann sagen, das Lithium-Ion muss durch Wände gehen.“, fügt er hinzu.

„Es ist doch mehr eine Flüssigkeit!“, meldete ich mich, „Da muss man eben durch. So schwer kann das nicht sein.“

Zur Erläuterung gab ich meine Skizzierpremiere, nahm ihm dem Stift aus der Hand und malte einige Plus-Zeichen zwischen Anoden und Katode, die die Leichtigkeit der „Wandüberschreitung“ abbilden sollten.

„Mein Junge. Du kennst dich ja erstaunlich gut aus mit diesen Dingen. Genauso muss man es sehen! Und außerdem, wenn man den Kreislauf weiterbetrachtet, ist ja alles halb so schlimm. Irgendwann wird jemand den Akku wieder verwenden, das Gerät einschalten, ihm die Energie nehmen. Vielleicht wird dann der elektrisierte Ort, die Anode, zu eng, zu aufgeladen, zu viel sein für die beiden verliebten Teilchen, und sie kommen wieder zurück in ihre Wohlfühlzone.“

„Ich bin trotzdem dafür, dass wir weiter Batterien verwenden!“, nörgelte ich in der Manier eines Zehnjährigen.

„Wenn sie nicht aufladbar ist, dann kann SIE auch nicht mehr von der Katode verschwinden! Also! Wie schon gesagt,“ man konnte mich über die Wiesen johlen hören, während ich die Arme weit ausstreckte und mich im Gartenstuhl nach hinten lehnte: „Ich bin für Batterien!“

Ganz plötzlich sah im Augenwinkel Nora, die offenbar die ganze Zeit unter dem alten Kastanienbaum gestanden hatte und die wunderbare Analogie zwischen meiner mehr oder weniger einsamen Lebensgeschichte und dem mehr oder weniger sparsamen Umgang mit Ressourcen gehört haben musste.

Der schönste Mund Italiens öffnete sich ohne Zögern zum Konter: „Du willst keine Batterien!“, sagte Nora streng und musterte mich in genau der Art, wie sie es immer schon getan hatte, wenn sie mich herausfordern wollte, „Dort sind Elektronen an Zink-Ionen interessiert und scheren sich wenig um Lithium-Ionen. Das willst du nicht, oder?“

„Mehr als ein verhaltenes „Nein“ brachte ich nicht hervor. Nicht nur, dass ich vor einer großen Entscheidung stand und Nora mir Druck machte. Es war das erste Mal gewesen, dass dem schon so vertrauten Zwiegespräch zwischen dem Onkel und mir jemand beigewohnt hatte. Es war seltsam, aber ich fühlte eine Grenze überschritten. Ich nahm den Zettel, auf dem mein Schicksalsweg skizziert war an mich, wie ich es immer tat, wenn der Onkel die Wahrheiten der Welt aufmalte, und machte mich auf den Weg.

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